Homeoffice und psychische Gesundheit in Zeiten von Abstand und Isolierung

von | März 2020

So wich­tig und unum­gäng­lich Home-Office als Mit­tel zur Selbst­iso­lie­rung und Schutz für Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in die­sen Tagen ist, stellt es doch eine beson­de­re Belas­tung für unse­re psy­chi­sche Gesund­heit dar. Dies gilt vor allem, weil die für uns so wich­ti­ge Selbst­be­stim­mung jetzt zusätz­lich stark ein­ge­schränkt ist. Wir kön­nen uns die­se Arbeits­wei­se häu­fig nicht wäh­len, son­dern müs­sen so ver­fah­ren. Dar­über hin­aus sind häu­fig genug von einem Tag auf den ande­ren alle Fami­li­en­mit­glie­der dau­er­haft zusam­men, meist eine sehr gewöh­nungs­be­dürf­ti­ge All­tags­si­tua­ti­on, die aber neben Belas­tung vor allem auch neue Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten mit sich bringt. Bei­spiels­wei­se erge­ben sich beson­de­re Anfor­de­run­gen an die Gleich­stel­lung der Geschlech­ter in die­sen Tagen und an die per­sön­li­chen Fähig­kei­ten, Gren­zen zu set­zen.

Aus unse­rem Enga­ge­ment im Betrieb­li­chen Gesund­heits­ma­nage­ment wis­sen wir: Home-Office funk­tio­niert dann am bes­ten, wenn Sie sich an Ihrem Arbeits­platz zuhau­se abgren­zen kön­nen von dem, was sonst im Haus geschieht. Sprich, wenn Sie sich unge­stört über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg Ihrer Arbeits­tä­tig­keit wid­men kön­nen. 

Da lie­gen die ers­ten bei­den aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen: Zum einen brau­chen Sie ein gewis­ses Maß an Selbst­dis­zi­plin und die Fähig­keit, sich Ihren Tag zu struk­tu­rie­ren. Das fällt vie­len Men­schen nicht leicht, schon gar nicht, wenn es ent­ge­gen bis­he­ri­ger Gewohn­hei­ten von jetzt auf gleich ver­langt wird. Zum ande­ren benö­ti­gen Sie für Ihr Home-Office ein weit­ge­hend stö­rungs­frei­es Umfeld, um das gewohn­te Leis­tungs­ni­veau zu hal­ten. Damit befin­den sich gera­de Fami­li­en der­zeit in einer ver­zwick­ten Lage, da Kin­der­be­treu­ung und Home-Office nicht so ohne wei­te­res par­al­lel funk­tio­nie­ren. So viel Abstand man zu sei­nem beruf­li­chen Umfeld zur Zeit hat, so eng kann es u.U. zuhau­se sein. Wich­tigs­tes Mot­to, so könn­te man mei­nen, wäre in die­sen Tagen: „Las­sen Sie Fün­fe gera­de sein. Nichts muss, und alles, was geht, hilft.“

Leis­tung muss in die­sen Tagen u.U. neu defi­niert wer­den, weil sich eini­ge Din­ge nun als nicht erfüll­ba­re Hand­lungs­auf­trä­ge erwei­sen. Spä­tes­tens bei Kin­der­gar­ten- oder Krip­pe-Kin­dern im eige­nen ‚Home‘ gleicht bei­spiels­wei­se ein par­al­lel lau­fen­des Home-Office einem Kampf gegen Wind­müh­len. Wenn man dann von sich oder ande­ren Hoch­leis­tung in allen gleich­zei­tig anfal­len­den Berei­chen for­dert, ist das über kurz oder lang eine Gefahr für die psy­chi­sche Gesund­heit.

Hier hel­fen räum­li­che Abgren­zun­gen und kla­re Abspra­chen. Abspra­chen inner­halb der Fami­lie, wer wann die Betreu­ung über­nimmt, und auch Abspra­chen mit den Kin­dern, wann ein kla­res ’nur im abso­lu­ten Not­fall stö­ren’ ange­bracht ist.

Die Abspra­chen müs­sen aber auch mit dem Arbeit­ge­ber erfol­gen, und da liegt ein wei­te­rer Aspekt zur psy­chi­schen Gesund­heit. Wer im Home-Office ‘ver­schwin­det’, ist nicht mehr sicht­bar. Unab­hän­gig von der eigent­li­chen Arbeits­leis­tung herrscht in vie­len Büros noch der Anwe­sen­heits­bo­nus. Wer im Büro sitzt, der/die arbei­tet und leis­tet etwas. Im Umkehr­schluss bedeu­tet das: Wer nicht zu sehen ist, der arbei­tet auch nicht. Wer nicht im Büro sitzt, des­sen Arbeits- und Leis­tungs­pen­sum lässt sich auch schwer ermes­sen. Sitzt man nicht direkt dane­ben, dann ist es oft schwer abzu­schät­zen, wel­che Auf­ga­be wel­chen Auf­wand erfor­dert, und oft erwar­ten wir in der Theo­rie, dass die Arbeit sehr viel schnel­ler zu erle­di­gen ist, als sie am Ende Zeit benö­tigt. ‘Heim-Arbei­ten­de’ gera­ten im Zwei­fel also in die Fal­le, län­ger zu arbei­ten als sie ange­ben, um den Anfor­de­run­gen des Arbeit­ge­bers Rech­nung zu tra­gen, und den Malus der feh­len­den Sicht­bar­keit aus­zu­mer­zen. Vor­ge­setz­te lau­fen in die Fal­le, den Heim-Arbei­ten­den man­geln­de Moti­va­ti­on und Arbeits­leis­tung zu unter­stel­len, weil sie schlicht nicht mit­er­le­ben, wie die Arbeit am hei­mi­schen Schreib­tisch erle­digt wird.

Auch hier hel­fen kla­re Abspra­chen: Wel­che Auf­ga­ben sind zu erle­di­gen, zu wel­chem Ter­min? Wie ist erkenn­bar, ob eine Auf­ga­be erle­digt ist? Wel­che Zeit­fens­ter haben die ‘Heim-Arbei­ten­den’ in die­sen Tagen und Wochen zur Ver­fü­gung? Für Mit­ar­bei­ten­de ist es sinn­voll, genau Buch über die auf­ge­wen­de­te Arbeits­zeit zu füh­ren. So kann man sei­ne Arbeit nicht nur ’nach­wei­sen’, man initi­iert auch bei den Vor­ge­set­zen und Betrof­fe­nen einen Lern­ef­fekt, wel­che Arbei­ten wie lan­ge brau­chen. Gera­de bei Unter­neh­men, die jetzt erst Home-Office eta­blie­ren, lohnt sich auch gera­de in die­sen Tagen ein gesun­des Maß Ver­trau­en in die Mit­ar­bei­ten­den. Es ist für alle eine Aus­nah­me­si­tua­ti­on, aber man kann davon aus­ge­hen, dass die meis­ten Mit­ar­bei­ten­den ger­ne und moti­viert ihre Arbeit von zuhau­se aus erle­di­gen. Die ernst gemein­te Fra­ge: ‘Was brau­chen Sie noch für Ihre Arbeit?’ ist hier ein gutes Ver­trau­ens­si­gnal im Sin­ne der psy­chi­schen Gesund­heit. Eben­falls sinn­voll sind regel­mä­ßi­ge, geplan­te, vir­tu­el­le oder tele­fo­ni­sche Zusam­men­künf­te, um den aktu­el­len Stand aus­zu­tau­schen und auch um die sozi­al so nöti­gen Gesprä­che ‘zwi­schen Tür und Angel’ vir­tu­ell bei­zu­be­hal­ten.

In die­sem Sin­ne: Blei­ben Sie gesund tätig

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